2016 – Thema A – Manfred Prisching


Wir müssen reden

Wir müssen reden. Ganz ernsthaft. Wir müssen reden, weil wir nur dadurch überleben werden. Mit diesem Reden ist nicht das bedrohlich-gemütvolle Prinzip gemeint: „Beim Reden kommen die Leute zusammen“. Mit diesem Reden ist nicht an die politisch-strategische Ausrede erinnert: „Wir müssen es den Menschen besser erklären“. Mit diesem Reden ist auch nicht die Fülle des Geschwätzes gemeint, welches uns alltäglich um die Ohren fliegt.

Es geht um ein ernsthaftes Reden, denn durch das Reden wurde Europa geschaffen. Das europäische Verständnis von Demokratie und Menschenrechten: von Machiavelli über Hobbes und Locke bis Kelsen. Das europäische Verständnis sozialer Marktwirtschaft: von Hume und Smith über Mill und Keynes bis Hayek und Eucken. Das euro­päische Verständnis der Welt: von Montesquieu und Rousseau über Herder und Lessing bis Zweig und Monnet. Das europäische Verständnis des Wissens: von Bacon und Comte über Bentham und Mach bis Scheler, Husserl und Schütz. Die europäische Auslotung der Existenz: von Kierkegaard und Heidegger über Nietzsche und Bergson bis zu Freud. Alles das ist Europa. Und Österreich. Keynes hatte schon recht: Wer Ideen verachtet, der weiß nicht, dass er Sklave irgendeines verstorbenen Denkers ist.

Man nennt das Reden heute „Diskurs“ – und den Strom der Informationselemente speisen Massenmedien, Visuali­sie­rungen und Symbole, alltägliche Erfahrungen und gedachte Welten, Bücher und Skandale, Studien und Gerüchte, das Stumme und das Laute, das Gute und das Böse. Alles Inputs in große Themenfelder, aus denen wir uns Bilder der Welt, in der wir leben, basteln. Denn die Welt versteht sich nicht von selbst.

Auch eine Gesprächsrunde, ein Symposium, ein Seminar, ein Blog, ein Workshop – das sind bloß kleine Tropfen im Meer der Informationen und Impulse, der Konsense und Konflikte, aus denen sich das individuelle und kollektive Leben zusammensetzt. Man soll das nicht überschätzen. Aber das Meer besteht aus Tropfen. Wenn wir nicht reden, könnten wir nur noch aufeinander einschlagen. Das ist in Europa oft genug geschehen.


Manfred Prisching

Über Manfred Prisching

Universitätsprofessor für Soziologie an der Universität Graz. Auslands­aufenthalte in Maastricht, an der Harvard University und an den Uni­versitäten von New Orleans, Little Rock, Las Vegas. 1997 bis 2001 wissen­schaftlicher Leiter der FH Joanneum, Korr. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied des Öster­reichischen Wissenschaftsrates. Autor zahlreicher Bücher und Publi­kationen. [Foto: © Christian Jungwirth]