2016 – Input / Thema A – Kurt Scholz


Österreichs Identität – die Marke Österreich, USP, Geschichte, Realität, Perspektive

Denk‘ ich an Österreichs Identität in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Erinnerungen an den „Tag der Fahne“ tauchen auf: An eine Lehrer­generation, die sich bemühte, uns Patriotismus, Stolz auf die immerwährende Neutralität und Genug­­tuung über den Abzug des letzten russi­­schen Besatzungssoldaten beizubringen. Öster­reich solle sich aber nicht nur vom Osten, sondern auch von der ame­rikanischen Zivilisation nicht über­fluten lassen. Dass diese immerhin ein Kind der euro­päischen Auf­klärung war, verschwieg man uns.

Angesichts der Gefahren von hüben und der „Unkultur“ von drüben war unser Land wahr­schein­lich gut beraten, auf immerwährende Zeit neutral zu bleiben. Irgendwie erschien uns das logisch. Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitten. Heiß umfehdet, wild umstritten, liegst dem Erdteil du inmitten. Der Eskapismus schien die Weltklugheit und politische Notwehr eines kleinen Landes zu sein. Ohne uns, war die Devise. „Mir ist die Welt abhanden gekommen“. Solipsismus als Ausweg. Die Welt hatte sich vor 1938 und nach 1945 nicht viel um uns geschert – weshalb sollten wir uns um sie kümmern?

Mein Österreich-Bewusstsein verdanke ich dem Glück, in der Zweiten Republik geboren zu sein. Es ist eng mit Persönlichkeiten verbunden, denen ich begegnen durfte. Vielleicht verteidige ich es deshalb mit einem zähen, altmodisch gewor­denem Patriotismus. Fritz Bock, Franz Olah, Rosa Jochmann, Widerstandskämpferinnen und Wider­stands­kämpfer, Persönlichkeiten wie Kreisky, Kardinal König, Sinowatz, Ludwig Steiner und viele andere verkörpern für mich bis heute eine stolze Identität. Die Achtlosigkeit, mit der man dieser Gründergeneration begegnet, empört mich. Wenn wir schon Zwerge auf den Schultern von Riesen sind, sollten wir auf ihnen nicht herumtrampeln.

Die Entwertung der Generation nach 1945 geht Hand in Hand mit der medialen Herabwürdigung alles dessen, was wir als „politisch“ bezeichnen. Die lässige Verachtung der Politik, des Rechts­staates und der Parteiendemokratie ist ein tief beunruhigender Zug unserer Zeit. Die Schizo­phrenie könnte nicht größer sein: Von den über sieben Milliarden Menschen auf der Welt möchten wahrscheinlich sechs Milliarden in einem Land wie Österreich leben. Sie beweisen es tagtäglich durch Migration. Dass viele Öster­reicher­innen und Österreicher die Politik des eigenen Landes pathologisch verachten, ist ihnen kaum zu erklären.

Österreichs Identität kann nicht in Allmachts­­phantasien über unsere einstige welt­geschicht­liche und heutige kulturelle Bedeutung bestehen. Im Gegen­­teil: Die Überschätzung der Rolle unseres Landes ist gefährlich. Zu leicht schlägt das Bedürfnis, von allen geliebt und geachtet zu werden, ins Gegenteil um: in Ohnmachtsgefühle, Ver­sagens­ängste und den Hass auf andere.

So wie man den österreichischen Menschen in den Tiefen der Geschichte nicht findet, wird man im Alltagsleben unseres Landes keine „identitäre Zauberformel“ entdecken. Das Heimweh nach gestern, einer alten Zeit, die keine gute war, hilft nicht. Was uns aber mit Stolz erfüllen kann, sind Werte, die es zu verteidigen und zu vertiefen gilt: mühsam erkämpfte demokratische Traditionen, ein Rechtsstaat, der friedliche Wechsel von Regierungen, die weitgehende Absenz politi­scher Gewalt. Noch nie in der Geschichte unseres Landes haben so viele Menschen so viel Wohlstand auf­gebaut. Noch nie hatten sie aber mehr Angst vor Unsicherheit, Einbußen und dem Verzicht.

Vielleicht besteht die Identität eines Landes nicht in der komplizierten Beschwörung des Wahren, Guten und Schönen, sondern im Bemühen um dessen tagtägliche Verwirklichung. Weltweit ist heute die Torheit der Regierenden mit den Händen zu greifen. Auch wenn es der gelernte Öster­reicher nicht wahrhaben will:
Um unser Land macht sie noch einen Bogen.


Der Vortrag im Video-Rückblick:
 


Kurt Scholz

Über Kurt Scholz

Studium der Geschichte und Germanistik, anschl. Tätigkeit als Gymnasial­­professor und in der Erwachsenenbildung. Er war Abteilungs­­leiter im Bundesministerium für Unterrricht und Kunst, Präsident des Wiener Stadt­schulrates und Sonderbeauftragter für Restitutions- und Zwangs­arbeiterfragen der Stadt Wien. Seit 2011 ist er Vorsitzender des Zukunfts­fonds der Republik Österreich.