2016 – Allgemein – Johann Seitinger


Wir haben ein Umsetzungsproblem

Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, dazu eine spürbare mentale Depression – das sind die Stichworte unserer gegenwärtigen Struktur­krise. Sie bilden einen Dreiklang – leider allzu oft einen Drei­klang in Moll: Denn neben der Strukturkrise konstatieren wir auf­grund der Wirtschaftskrise seit geraumer Zeit auch noch eine Ethikkrise, wenn wir nur an die gravierenden Nach­haltig­keitsmängel in den Bereichen Umwelt, sozialer Zu­sammenhalt, Demografie und – aktuell – Migration denken.

Unser eigentliches Problem ist eher ein mentales: Es ist ja nicht so, als ob wir nicht wüssten, dass wir Wirtschaft und Gesellschaft dringend modernisieren müssen. Trotz­dem geht es nur mit quälender Langsamkeit voran. Vielfach fehlt uns der Schwung zur Erneuerung, die Bereit­schaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu ver­lassen, Neues zu wagen.

Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Um­setzungs­­problem. Dabei leisten wir uns auch noch den Luxus, so zu tun, als hätten wir zur Erneuerung be­liebig viel Zeit: Ob Steuern, Gesundheit, Pensionen, Alters­problematik, Bildung – zu hören sind vor allem die Stimmen privilegierter Interessengruppen oder essig­saurer Bedenkenträger.

Wer die großen Reformen verschiebt oder verhindern will, muss wissen, dass unser Volk insgesamt dafür einen hohen Preis zahlen wird. Gerade in schwierigen Zeiten braucht es in erster Linie kleinere und größere Visionen.

„Österreich 22“ bedeutet für mich deshalb das Zimmern und Gestalten eines geistigen „Instrumenten­kastens“ für unser Land, in welchem neben der Freiheit, der Leistung und der Solidarität auch unabdingbar der Wert der Nachhaltigkeit zu verankern ist.

Wir brauchen eine „neue Erzählung“, einen neuen Mythos in der Politik und den Mut, Entscheidungen her­bei­zuführen, wie wir als Gesellschaft künftig leben wollen, wie wir unsere Orientierungsbojen, wie wir Fragen einer erneuerten Demo­kratie von unten, einer tauglichen Bildung, einer fairen (Land-)Wirtschaft alltags- und vor allem „enkeltauglich“ zu über­setzen imstande sind.


Johann Seitinger

Über Johann Seitinger

2003 in die Steiermärkische Landesregierung gewählt, hat er die Ressorts Land- und Forstwirtschaft, Wasserwirtschaft, Wohnbau, Abfall­wirtschaft, Nachhaltige Initiativen, Landesforste, die landwirtschaftliche Fachschulen sowie das landwirtschaftliche Versuchs– und Forschungs­wesen inne. Von 1980 bis 2003 war er u. a. Berater der Land­wirt­schaftskammer, Geschäftsführer und Projektentwickler sowie Bürger­meister. Seit 2013 ist er Obmann des „Steirischen Bauernbundes“. [Foto: © Lebensressort]