2018 – Bernhard Rinner


Lieber im Fluss als gegen den Strom

Massentauglichkeit. Ein Begriff weder verbaler noch sinnlicher Ästhetik. Würde man Kunstschaffende fragen, würden sie ihm wohl mit erhobenem Zeigefinger absolute Bedeutungslosigkeit beimessen. Gleichzeitig ist es doch ein Wort, mit dessen Gehalt sich die darstellenden Künste de facto auseinandersetzen (müssen) – wenn auch hinter ihren Kulissen. Wusste Sokrates bereits, dass man erst sich selbst bewegen muss, will man die Welt in Bewegung versetzen, dann ist es längst an der Zeit, dass im Hinblick des aktuellen (sozio-)kulturellen Wandels ein hoffnungsvoller Positivismus auch in den Theaterhäusern Österreichs Einzug hält. Steigende Verkaufszahlen an den Bühnen der steirischen Landeshauptstadt beweisen: Das Interesse an Kunst und Kultur ist nicht nur gegeben, es nimmt sogar zu. Jedoch: Es ist individuell geworden. Das Freizeitverhalten der zukünftigen TheaterbesucherInnen ist ebenso wenig in Schubladen zu stecken wie sich das Publikum selbst pauschalisieren lässt. Ging man früher in die Oper, weil es zum guten Ton gehörte wie der Brockhaus im Bücherregal, so geben sich heute Liebhaber der Klassik, diskursorientierte Entdecker und kunstliebende Genussmenschen im selben Haus die Klinke in die Hand. Hat die Traditionsbewusste von Giacomo Puccinis Tosca in der Zeitung gelesen, gefällt dem Trendsetter die Präsenz von Kafkas Verwandlung im sozialen Netzwerk einer virtuellen Parallelwelt. Das Fazit? Die Präsenz der Bühnen muss multimedial sein, wollen wir uns in Zukunft nicht mit leeren Zuschauerreihen konfrontiert sehen. Und eine mögliche Antwort? Die radikale Selbstdigitalisierung zwischen Drama und Datensatz, Kunst und Code, die auf die unverkennbaren Zeichen unserer Zeit reagiert: die Erodisierung bisheriger sozialer Strukturen und die Fragmentarisierung einer Masse an Kulturinteressierten, die sich trotz allem als Individuen verstanden sehen wollen. Somit gilt: Schwimmen wir nicht gegen den Strom, sondern bleiben wir im Fluss! Mit digitalen Kanälen für eine Kunst wider dem Elitedenken.


Bernhard Rinner

Über Bernhard Rinner

Studium der Rechtswissenschaften. Ehem. Sekretär beim jetzigen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, Geschäftsführer der INSTYRIA Kultur Service GmbH sowie Landesgeschäftsführer der Steirischen Volkspartei. Seit 2014 Geschäftsführer der Theaterholding Graz │ Steiermark GmbH und zuständig für die Konzernleitung der Bühnen Graz. Initiiator u.a. von „Klanglicht“. [Foto: © Marija Kanizaj]