2016 – Thema D – Hans Sünkel


Die Krise als Chance

Universitäten als Stätten von Bildung, Wissenschaft und Forschung agieren nicht in „splendid isolation“, sondern als bedeutender Teil der Gesellschaft und der Wirtschaft überhaupt. Daher bleibt auch die universitäre Landschaft von den gegenwärtigen Wogen gesellschaftlicher wie auch weltwirtschaftlicher Art nicht verschont. (Dass diese Wogen nicht Vorläufer eines Tsunami sind, möge unser aller Hoffnung sein.)

Schwierige Zeiten geben aber auch Anlass zur Rück­besinnung auf die wirklich wahren Werte, und so ist eine Krise auch gleichzeitig die Stunde der Forschung und der Bildung. Eine Krise kann daher auch eine Chance der Universität sein, falls unser Denken in die Zukunft gerichtet ist und antizyklisches Agieren praktiziert wird. Gerade in schwierigen Zeiten sollten wir daher die besten Köpfe an Land holen und diesen ein Biotop anbieten, in dem hochkarätige Wissenschaftler gerne tätig und Attraktoren für unsere akademische Jugend sind. Das erfordert natürlich auch eine Bereitstellung adä­quater finanzieller Mittel – für die Universitäten und die Forschungs­förder­einrichtungen ebenso. Und es erfordert den Mut zum Risiko und eine Zurückhaltung beim Ruf nach dem „return on investment“, um Freiräume ausschöpfen zu können und dem Innovations­potenzial eine faire Chance zu geben.

Wir sind gut beraten, unsere hohen Schulen und For­schungs­­einrichtungen mit vollem Schub in die Zukunft zu führen und unsere Stärken weiter zu stärken. Die an­ge­strebte Reiseflughöhe haben wir wohl noch nicht er­reicht; während unseres Steigflugs an eine Schubumkehr zu denken, wäre jedoch fatal.

Nehmen wir daher unseren Mut in beide Hände, besinnen wir uns unseres Leistungsvermögens und ver­suchen wir die Zeit zwar rückwärts zu verstehen, jedoch vorwärts mit Hoffnung und Zuversicht zu leben – nicht nebeneinander, schon gar nicht gegeneinander, sondern vielmehr partner­schaftlich miteinander: Wissenschaft, Wirt­schaft und Politik gleichermaßen.


Hans Sünkel

Über Hans Sünkel

Universitätsprofessor für Theoretische Geodäsie an der Technische Universität Graz. 2001 bis 2004 Direktor des Instituts für Welt­raum­forschung der ÖAW. Gastprofessuren in USA, Kanada, China. 2003 bis 2011 Rektor der TU Graz. 2010/2011 Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz. Aktuell Auf­sichts­rats­vorsitzender des Wissen­schaftsfonds FWF, Mitglied des Universitätsrates der Medizinischen Universität Graz und Mitglied des Forschungsrates Steiermark. [Foto: © TU-Graz / Robert Frankl]