2016 – Thema D – Anna Gamper


„Regulierte“ Wissenschaft – eine Polemik

„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“, heißt es seit 1867 in Art 17 StGG. Die österreichische Wissenschaftsfreiheit gehört zu den am strengsten geschützten Grundrechten überhaupt, sind intentionale Eingriffe doch schlechthin verboten und unterliegen nicht-intentionale Eingriffe immerhin einer Verhältnismäßigkeitsprüfung.

Gleichwohl erfahren Wissenschaftler – nicht nur in Öster­reich – eine immer enger werdende Korsettierung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit. Schärfster Feind der Wissen­­schaftsfreiheit scheint dabei nicht einmal das Fehlen finanzieller Ressourcen zu sein, über das allent­halben am lautesten geklagt wird. Vielmehr ist es ein Regulierungs­zwang, der, aus dem Ökonomischen kommend, ins Wissen­schaftsrecht übernommen, dort aber geradezu ent­fesselt wurde: ein hemmungsloser Aus­bau uni­versitärer Bürokratien, die Forschende und Lehrende, statt sie zu entlasten, zu haupt­amtlichen Ver­walterinnen und Ver­wal­tern machen; Evaluierungen samt Evaluierungen der Eva­­lu­ierungen, als zeitaufwändige Rituale so genannter „Qualitäts­­sicherung“; ein Wildwuchs an peri-, meta- und parauni­­versitärem Soft Law; der Zwang zur Aufnahme in Indices und Rankings mit höchst fragwürdigen Para­me­trierungen; die Abhängigkeit von Geldgebern und Förder­­mitteln, die Themen und Inhalte wissenschaftlicher Forschung bestimmen.

Neben diese „äußere“ Regulierung tritt zudem noch eine „innere“, getragen von Scientific Communities, deren Korrekt­heitsmythen im unabhängigen Peer-Review be­gin­nen und im Danksagungskartell enden.

Eine derart „regulierte“ Wissenschaft ist weder frei noch im­stande, kritisches und originelles Denken weiter­­­zu­ent­wickeln. Dringend gefordert sind Uni­versi­täts­lei­tun­gen, Ministerium und Gesetzgeber, letzt­lich aber auch die Scientific Communities weltweit, ver­ant­wortungsvolle Maß­nahmen wissenschaftlicher De­regu­lierung zu ergreifen.


Anna Gamper

Über Anna Gamper

2008 Berufung an das Institut für Öffentliches Recht, Staats- und Ver­wal­tungs­lehre der Universität Innsbruck. Koordina­torin des For­schungs­­zentrums Föderalismus, Mitglied des akade­mischen Senats, Mit­­heraus­geberin der „Juristischen Blätter“, Vorstands­mitglied des Öster­­reichischen Juristen­tags sowie Mit­glied zahl­reicher in- und aus­län­di­scher wissen­schaftlicher Beiräte und Vereine. [Foto: © Privat]