2016 – Thema C – Barbara Frischmuth


Für ein echtes Integrationssystem!

Ein Grund, mich in der Diskussion zu Wort zu melden, wäre, über Rückzieher der Regierung im Hinblick auf die geringfügige Arbeit von Flüchtlingen (Garten­arbeit, Reinigungsarbeiten usw.), die vor allem dem Kennen­lernen und dem besseren Spracherwerb dienten, zu reden. Als Vorwand dafür musste und muss herhalten, dass diese Art von geringfügiger Arbeit weitere Flüchtlinge anlocken könnte. Viel scheint man darüber aber nicht nachgedacht zu haben, auch nicht darüber, dass das ein Schlag ins Gesicht der Zivilgesellschaft ist, die sich beim Bewältigen von Problemen als äußerst motiviert und hilfreich gezeigt hat. Wie soll und kann sich denn jemand integrieren, wenn er untätig in irgendeinem Quartier sitzt und nicht die geringste Chance hat, sich nützlich zu machen und dabei zumindest ein wenig an Selbstwertgefühl zu entwickeln? Dass absolut nicht gebraucht zu werden, traumatischen Zuständen ähneln kann, hat sich mehrfach bestätigt. Wenn nicht bald ein echtes Integrationssystem (nicht nur ein Plan, wie es immer heißt, sondern ein funktionierendes System) erstellt wird, wird auch Österreich mit den Folgen von andauernder Unselbständigkeit und zunehmender Frustration der Betroffenen konfrontiert sein. Ganz egal, ob man für oder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen war und ist, wir haben sie aufgenommen, und das bedeutet, dass die Verantwortung bei uns liegt, dass alle Anstrengung nötig ist, um den hier Gestrandeten die Aus­sicht auf ein menschliches Leben zu bieten, nicht indem man sie ruhigstellt, sondern indem man sie fordert, das heißt, ihnen etwas abverlangt, das sie nicht ununterbrochen an ihre Alimentierung erinnert.

Ein weiterer Einwurf wäre der Türkisch-Unterricht an Gym­nasien, der nach einigen vielversprechenden Be­mühungen wieder ad acta gelegt wurde. Sind wir noch immer der Meinung, dass Integration nur etwas für die anderen ist?


Barbara Frischmuth

Über Barbara Frischmuth

Dolmetsch-Studium für Türkisch und Ungarisch in Graz, Erzurum und Debrecen. Danach Studium der Orientalistik in Wien (ohne Abschluss). Lebt seit den 1990er Jahren als freie Schriftstellerin wieder im Geburts­ort Altaussee. Erzählungen, Hörspiele, Romane, darunter „Über die Ver­hältnisse“ 1987, „Die Schrift des Freundes“ 1998, „Woher wir kommen“ 2012. [Foto: © bigshot.at/Christian Jungwirth]