2018 – Stefan Karner


Partnerschaften in Mittel-Osteuropa beleben
Die jahrhundertelange Verzahnung der österreichischen Kernländer in den Donauraum und nach dem Südosten war ein Geben und Nehmen: wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich oder rechtspolitisch.
Die Öffnung des europäischen Ostens 1989/91 und die EU-Erweiterungen schufen die politischen Voraussetzungen, diesen zwischenzeitlich mehrfach zerschnittenen Integrationsraum weiter zu stärken. Österreich war sich der Chancen bewusst, gehörte zu den führenden Partnern und Investoren in den ehemaligen Ostblockstaaten. Wien, Graz und die österreichischen Länder haben noch immer eine immense Anziehungskraft in Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung. Die Erwartungshaltung der Länder gegenüber Österreich war und ist dementsprechend hoch.
Nun muss der Schwung der 1990er-Jahre für die zwischenzeitlich EU-integrierten Staaten weiter ausgebaut werden. Wo sind in diesen Staaten die Österreich-Schulen, die Österreich-Institute? Wie belebt sind die vielen, gut gemeinten Partnerschaftsabkommen zwischen den Kommunen? Zwischen den Universitäten? Wo bleiben die Einladungen an junge Menschen in Siebenbürgen, in Ostpolen, in der Bukowina, auf dem südlichen Balkan oder in Galizien zum Studium in Österreich? Wie investieren österreichische Firmen in diesen Ländern auch in Bildung und Ausbildung? Wo ist ein St. Georgs-College wie in Istanbul auch in Krakau oder Lemberg? Sie wären Brücken zwischen Menschen und Gesellschaften, zwischen ihrer und unserer gemeinsamen Geschichte.
Österreich braucht nicht mehr Wegbereiter der Anbindung bzw. Integration dieser Staaten in die EU sein. Das ist bereits geschehen. Nun müssen die vielen unterzeichneten Absichtserklärungen, Partnerschaften und Programme stärker mit Leben erfüllt, neue geschlossen werden.
Für Österreich eine auf der Erfahrung fußende, historische Aufgabe der nächsten Jahre.


Stefan Karner

Über Stefan Karner

Universitätsprofessor, langjähriger Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte an der Universität Graz sowie Gründer und Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien-Raabs. Beirat und Vorsitzender in- und ausländischer wissenschaftlicher Vereinigungen. Autor zahlreicher Bücher, Publikationen und Beiträge, vielfach auch auf Basis des Zugangs zu russischen Archiven (seit 1990). [Foto: © BIK]