2020 – Bernhard Rinner


// In Zeiten wie diesen
Oder: Bleibt alles anders? //

„In Zeiten wie diesen“ hören wir derzeit allerorts: In Zeiten wie diesen sei alles anders, in Zeiten wie diesen ist möglich, was bisher unvorstellbar war. Aufgrund einer globalen Pandemie explodierte das digitale Unterhaltungsangebot und Österreich lernte schlagartig, sich auch im eigenen Wohnzimmer kulturell bestens zu amüsieren. Doch ist Kunst wirklich etwas, das wir (nur) digital konsumieren möchten? Bleiben Touristen in Zukunft zuhause und begnügen sich mit Schönbrunn, Mirabell, Eggenberg via Webcam? Mit Mozart, Beethoven und Haydn, Torberg und Nestroy via Live-Stream? Niavarani scherzte, er werde sich nach Corona ruhige Tage zuhause gönnen. Gottlob, ein Scherz! Die Wahrheit ist doch hoffentlich, dass wir noch immer hinaus wollen – hinaus, um uns zu unterhalten, um in Diskurs und Diskussion zu gehen, und zwar hautnah und ganz echt. Zwei Monate Netflix machen uns der Serien überdrüssig und bewusst, dass Musik von Spotify zwar immer den Geschmack, aber selten das Herz trifft. Streaming-Angebote stillen den Hunger unseres Geistes, werden aber niemals ein Herzensgenuss sein, weil Kunst und Kultur als Live-Erlebnis ein Kernstück unserer Republik sind. Die Kulturinstitutionen unseres Landes ziehen Menschen aus aller Welt an und sind damit auch für unsere Wirtschaft von größtem Wert. Hoffen wir also, dass sich in einem schwierigen 2020 vieles verändert hat und genau deshalb der Wunsch nach realem Kulturerleben weiterhin besteht. Hoffen wir, dass in Zeiten wie diesen (fast) alles anders bleibt.


Über Bernhard Rinner

Studium der Rechtswissenschaften. Von 1997 bis 2003 war er Sekretär beim jetzigen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, von 2004 bis 2007 Geschäftsführer der INSTYRIA Kultur Service GmbH und von 2007 bis 2013 Landesgeschäftsführer der Steirischen Volkspartei. Seit 2014 ist er Geschäftsführer der Theaterholding Graz - Steiermark GmbH und zuständig für die Konzernleitung der Bühnen Graz. [Foto: © Marija Kanizaj]