2020 – Thomas Krautzer


// Mut und strategische Weitsicht gefordert //

In welcher Verfassung ist Österreich? Hätte man diese Frage vor einem Jahr gestellt, wäre die Antwort anders ausgefallen. Nicht weil sich inzwischen die Verfassung Österreichs grundlegend geändert hätte. Es haben sich vielmehr die Rahmenbedingungen so gewandelt, dass man sich fragen muss, ob diese Verfasstheit auch zukunftsfähig ist. Katalysator und Brandbeschleuniger für diese Entwicklung war und ist ohne Zweifel Covid-19. Die Zeit danach (wann immer das sein wird) wird eine andere sein als die davor. Das internationale Gefüge wird komplexer und unfreundlicher. Was bedeutet dies für ein Land, dessen Wohlstand vorwiegend auf Export baut (rechnerisch sind auch ausländische Touristen ein Export)? Das europäische Haus bürdet sich gerade eine enorme Schuldenlast auf. Das gilt inzwischen nicht mehr „nur“ für die Summe der Nationalstaaten, sondern für die Union als solches. Was werden die Konsequenzen sein? „Koste es, was es wolle!“ war auch hierzulande Wahlspruch. Ein gewagter Satz, schon beim ersten Ansturm die Reserven auszuschütten. War das Mut oder eher eine frühe Kapitulation vor der Komplexität der Aufgabe? Jedenfalls ist eines klar: Wir stecken in der gefürchteten Schere zwischen Rezession, automatischen Stabilisatoren (z.B. Arbeitslosengeld) und enormer Staatsintervention. Während die Ausgaben steigen, kippen die Einnahmen weg. Allen ist klar, das ist nur noch zu bereinigen, wenn der Wirtschaftsmotor ausreichend brummt. Gleichzeitig stehen wir aber vor der Herausforderung, Globalisierung, Klimafragen, neue Mobilität und alte nationale Egoismen unter einen Hut zu bringen. Jetzt sind wieder einmal Mut, Zähigkeit, Ausdauer und strategische Weitsicht gefragt. Reicht auch dafür unsere Verfassung?


Thomas Krautzer

Über Thomas Krautzer

Studium Geschichte und Germanistik in Graz. Ab 1992 bei der Industriellenvereinigung Steiermark, von 2000 bis 2016 als deren Geschäftsführer. Seit 2017 Universitätsprofessor für Standortentwicklung und wirtschaftliche Standortfragen und Leitung des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte an der Universität Graz.