2020 – Richard Kühnel


// Next Generation EU //

Österreich liegt nicht nur geografisch im Herzen Europas. Vor 100 Jahren hatte ein supranationales europäisches Einigungsprojekt alter Ordnung sein Ende gefunden: die Habsburger-Monarchie, unter deren Kronen sich viele Völker scharten, deren innerer Zusammenhalt aber zu schwach geworden war. Neue Staaten entstanden aus ihrem Nachlass, darunter die junge Erste Republik. Vor 25 Jahren trat eine, um viele Erfahrungen reichere Zweite Republik einem supranationalen europäischen Einigungswerk neuer Ordnung bei: der Europäischen Union. Österreich war nicht mehr Vormacht, aber Partner einer Gemeinschaft, unter deren Rechtssystem sich viele Nationen scharen – nach freiem Willen, mit gleichen Rechten und auf demokratischer Basis.
In den vergangenen Monaten wurde der Zusammenhalt dieser Union auf den Prüfstand gestellt wie selten zuvor. Als das Virus den europäischen Kontinent erreichte, reagierten die nationalen Regierungen ohne Rücksicht auf europäische Partner, im Glauben, das Virus auszugrenzen. Es dauerte, bis die Erkenntnis durchsickerte, dass europäische Solidarität die bessere Antwort ist. Die EU-Kommission hat diese Antwort dann formuliert und alle zur Verfügung stehenden Mittel im Kampf gegen das Virus und seine Auswirkungen mobilisiert. Im Juli hat der Europäische Rat auf Vorschlag der Kommission schließlich ein in seiner Art und Größe einzigartiges Programm für die Erneuerung der europäischen Wirtschaft genehmigt: Next Generation EU. Das wahrscheinlich ambitionierteste Programm, welches die EU je auf den Weg gebracht hat. Doch nicht Ehrgeiz ist die Triebfeder, Realismus trieb uns zu Europas Regeneration. Die Realität einer von Grund auf veränderten Welt – nicht nur Virus und Rezession, auch Klimawandel und digitaler Umbruch werden uns alles abverlangen. Europa ist gerüstet, wenn der Zusammenhalt hält und alle konstruktiv beitragen: Brüsseler Institutionen, nationale Regierungen und die Regionen Europas. Die Steiermark ist in vieler Hinsicht schon ein Vorreiter, auf den man sich verlassen kann. Im Herzen Europas liegt sie deshalb, so wie Österreich, nicht nur geografisch.


Richard Kühnel

Über Richard Kühnel

Studium der Rechtswissenschaften, anschl. Diplomatischer Dienst, u.a. in Tokio, New York und Wien sowie im Kabinett der EU­-Kommissarin Dr. Benita Ferrero­-Waldner. Danach Vertreter der Europäischen Kommission in Österreich und von 2014 bis 2019 Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland. Seit September 2019 Direktor für die Vertretung und Kommunikation der Europäischen Kommission in den Mitgliedstaaten der EU. [Foto: © Elke A. Jung-Wolff]