2020 – Franz Fischler


// Ökosozial ist eine steirische Erfindung //

Es war der Steirer Josef Riegler, der im Jahr 1986 zunächst die ökosoziale Agrarpolitik und später die ökosoziale Marktwirtschaft propagiert hat. In der Zwischenzeit sind die ökosozialen Herausforderungen noch viel größer geworden und wenn wir die Transformation unseres Wirtschafts- und Sozialsystems in ein nachhaltiges System bis Mitte dieses Jahrhunderts nicht schaffen, wird es zu großen globalen Verwerfungen kommen.
Die Agrar- und Ernährungspolitik spielt bei der Bewältigung dieser Herausforderungen eine entscheidende Rolle.
Die Landwirtschaft ist einerseits ein Hauptbetroffener der ökologischen, sozialen und ökonomischen Veränderungen, andererseits zeichnet sie für einen beträchtlichen Anteil an der Erderwärmung verantwortlich, hätte aber auch zentrale Hebel an der Hand, um mitzuhelfen, die Klima-und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.
Es geht darum, die Treibhausgasemissionen sowie den Energie- und Rohstoffverbrauch in der Landwirtschaft zu minimieren, entschieden gegen die Abholzung der Regenwälder aufzutreten und mit einer drastischen Verbesserung der Humuswirtschaft die Böden als CO2-Senke zu nutzen. Zudem müssen die natürlichen Kreisläufe geschlossen und die Wertschätzung unserer Lebensmittel gesteigert werden.
Unabhängig davon müssen unsere agrarischen und forstlichen Ökosysteme dringend an das veränderte Klima angepasst werden.
Aber mit einer bloß sektoralen Strategie werden wir nirgendwo in der Lage sein, den ländlichen Räumen eine attraktive Zukunft zu geben. Es braucht neue kreative und tiefgreifende Anläufe für eine breite ländliche Entwicklung, insbesondere in den ländlichen Problemgebieten.

Die EU und Österreich

In der nächsten Zeit werden sowohl die EU als auch Österreich ausgiebig damit beschäftigt sein, das Programm von Ursula von der Leyen, die heuer erfolgten Finanzbeschlüsse und die gerade zur Entscheidung anstehenden Reformen erfolgreich umzusetzen. Zurzeit wird das Potential an Chancen, die in diesen Paketen stecken, immer noch weit unterschätzt. Umso wichtiger wäre es, entsprechende Strategien zu entwickeln, um die vorhandenen Möglichkeiten optimal zu nützen, statt darüber nachzudenken, wie man die Pläne der Anderen behindern kann.
Es braucht jedoch ebenso neue europäische Initiativen. Der Erweiterungsprozess und die Nachbarschaftspolitik müssen wiederbelebt werden.
Statt über die Vereinigten Staaten von Europa, die nie kommen werden, zu philosophieren, müssen konkrete Integrationsfelder definiert und ein neues Verständnis der „ever closer union“ entwickelt werden. Dazu zählen Forschung und Entwicklung, die Migrationsfrage und ein neues Verständnis von Globalisierung.
Gerade weil die amerikanische Leadership im Schwinden, zugleich aber das Misstrauen gegenüber China und Russland im Steigen ist, würden sich viele Staaten der Welt europäische Initiativen, etwa in der WTO, in der Durchführung des Pariser Klimaabkommens oder zur Reform der UNO erwarten. Hier muss man nicht auf die deutsch-französische Achse warten, sondern hier könnten auch Gruppen von kleineren Mitgliedstaaten aktiv werden. Aus den frugalen zuletzt Fünf könnten die dem Fortschritt verpflichteten Fünf oder mehr werden.


Franz Fischler

Über Franz Fischler

Präsident des Europäischen Forum Alpbach. Ehem. Bundesminister für Land­ und Forstwirtschaft, 1995 bis 2004 Mitglied der Europäischen Kommission. Vorsitzender von PRO SCIENTIA, umfangreiche Vortragstätigkeit im In- und Ausland, Vorsitzender der Raiffeisen Nachhaltigkeitsinitiative, seit Dezember 2015 Vorsitzender des Kuratoriums des Instituts für Höhere Studien (IHS). [Foto: © Andrei Pungovschi]