2020 – Andreas Gerstenmayer


// Schlüsseltechnologie Mikroelektronik //

Gegenwärtig findet zwischen Asien und den USA ein „Kalter Krieg“ im Bereich Technologie statt. Daten, die teilweise schon als das Erdöl des 21. Jahrhunderts bezeichnet werden, nehmen hier einen wichtigen Stellenwert ein. Ihre Generierung, Prozessierung, Verarbeitung, Transport und Speicherung erlangen durch die voranschreitende Digitalisierung eine immer größer werdende Bedeutung. Dieser Markt wird dominiert von Asien (70 Prozent) und den USA (20 Prozent). Die Intelligenz bzw. IP und Services befinden sich größtenteils in den USA – Server- und Netzwerkinfrastruktur wird von zwei Unternehmen, nämlich Intel und AMD dominiert und Services von drei bis vier Konzernen (Google, Facebook, Amazon und Apple). Jene Unternehmen, die diese Entwicklungen produzieren und daraus resultierend sukzessive eigene IP entwickeln, finden sich vor allem in Asien.
2013 schon hatte sich die EU zum Ziel gesetzt, im Bereich der Mikroelektronik bis 2020 einen Weltmarktanteil von 20 Prozent erreichen, doch davon sind wir weit entfernt, der europäische Anteil am Halbleitermarkt beträgt derzeit nur etwa 8,4 Prozent, Tendenz weiter fallend. In einer Situation, die auch noch durch den US-chinesischen Handelskrieg und durch Covid-19 erschwert wird, muss Europa wieder an Bedeutung auf dem Mikroelektroniksektor gewinnen und Gegentrends aufhalten.
Europa hat etwa bei Investitionen in Halbleiterfabriken weiter an Boden verloren – der weltweite Anteil an Produktionsinvestitionen fiel von 10 auf 5 Prozent. Die USA stagnieren auf einem sehr hohen 30-Prozent-Niveau, Asien (Taiwan, Korea und vor allem China) haben sehr stark dazugewonnen. In all diesen asiatischen Ländern gibt es eine aktive Industriepolitik, die den Elektronik- und Halbleitersektor sowohl in punkto F&E als auch bei Produktionsansiedelungen stark unterstützt. Will Europa nicht weiter an Boden verlieren und künftig im Bereich der Mikroelektronik mitgestalten, braucht es neben der richtigen Positionierungsstrategie auch konkrete Maßnahmen. Es reichen nicht Überschriften wie die „European Cloud“, sondern es braucht Inhalte und Taten.
Das Herunterfahren vieler Branchen und des Großteils des öffentlichen Lebens ab März 2020 führte schlagartig den aktuellen Stand der Digitalisierung mit einigen ungehobenen Potentialen vor Augen. Man muss davon ausgehen, dass viele der kurzfristig angestoßenen Veränderungen nachhaltig sein werden. Gerade die Steiermark als eine der führenden Forschungsregionen Europas mit einer F&E-Quote von rund 5 Prozent darf hier den Anschluss nicht verlieren.
Der Forschungsrat Steiermark hat sich bereits in den Monaten vor Covid-19 mit einem Strategiepapier zur Etablierung einer Steirischen Modellregion Digitalisierung in ausgewählten Stärkefeldern beschäftigt. Die wichtigsten strategischen Leitlinien dabei sind die Stärkung der Humanfaktoren und eine klare Schwerpunktsetzung in den steirischen Stärkefeldern (Mobilität, Cyber Security, Mikroelektronik/Electronic Based Systems). Eine Breitenwirkung kann vor allem durch den Ausbau der digitalen Infrastruktur, durch die Entfaltung der Vorbildwirkung der öffentlichen Hand und die Sichtbarmachung digitaler Leuchtturmprojekte erzielt werden.
Mikroelektronik ist eine Schlüsseltechnologie, bei der wir erst am Anfang stehen, die aber in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens als zentrales Element benötigt wird. Wir reden von einer smarten Welt (smart bedeutet, dass das Produkt Elektronik und Software beinhaltet). Mit zunehmender Digitalisierung wird der Bedarf nach der neuesten Generation an Prozessoren und elektronischen Systemen ernsthaft wachsen und diese Prozessor- und Systemkompetenz und die damit verbundene Wertschöpfungskette müssen wir nach Europa holen. Nebst einer Ausbildungsoffensive und dem Aufbau von Humankapital muss Europa auch einen Fokus auf Forschung- und Technologieentwicklung in diesem Bereich legen, um jene Stärkefelder zu finden, mit der wir die Digitalisierung nicht nur aktiv mitgestalten, sondern mit der wir eigenes IP entwickeln. Diese Parameter sind die Basis dafür, dass sich künftig wieder jene europäischen Hardware- und Software-basierten Unternehmen entwickeln können, die mit ihren Produkten die globale Digitalisierung vorantreiben. Dieser Kontinent braucht Unternehmen von der Größe wie Google, Facebook oder Apple. Europa muss eine technologische Renaissance gelingen, um an die Erfolgszeiten von vor beinahe drei Jahrzehnten anschließen zu können.