2018 – Manfred Prisching


Epoche der Unregierbarkeit
Vor hundert Jahren ist die europäische Ordnung zerbrochen; die neue Ordnung sollte sich in den Folgejahren nicht bewähren. Nach einem neuerlichen Durchgang durch extreme Verhältnisse war man einerseits mit der großen Spaltung zwischen Ost und West konfrontiert, andererseits verhielt man sich im Westen klüger als nach dem Krieg, der das Jahrhundert einbegleitete – ein Schritt-für-Schritt-Prozess sollte europäische Gemeinsamkeit (in allen Dimensionen) entstehen lassen. In den 1990er-Jahren kam eine gänzliche Neuordnung zustande: mit dem Zusammenbruch des totalitären Imperiums, mit der Befreiung der Ostländer, mit der Wiedervereinigung Deutschlands, mit kräftigen Schritten zum einigen Europa. Die Phase der Hybris, derzufolge Europa ein Vorbild für die Welt sein wollte, zerbröckelte in einer Krisensequenz, die mit der Wirtschaftskrise 2008 einsetzte, und die Migrationskrise ab 2015 versetzte den ruhigen Gewissheiten den endgültigen Stoß.
Seitdem bemühen sich Demokratien in Europa (und anderswo), die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte rückgängig zu machen. Wählerschaften setzen verrückte, bedenkenlose, machthungrige, illusionäre, infantile Politiker an Machtpositionen oder lassen Abstimmungen so ausgehen, dass maximale Selbstschädigung erzielt wird. Einige Ostländer sehnen sich zurück zur Diktatur. Großbritannien träumt sich ins 19. Jahrhundert. Italien wandelt ins Fiasko. Trump zieht eine Spur der (nationalen und internationalen) Verwüstung hinter sich her. Selbst im süddeutschen Raum sind zeitweise Anzeichen geistiger Umnachtung sichtbar.
Europas Kraft, den allseitigen zentrifugalen Tendenzen Widerstand zu leisten, ist schwer einzuschätzen. Denn gleichzeitig kommen die geopolitischen Verschiebungen hinzu, die bekannten Probleme von Migration und Klima erweisen sich als unlösbar, und von den aufkommenden Problemen von Kommunikation und Digitalität wissen wir fast nichts. Aber wegweisende Maßnahmen fehlen auch dort, wo wir wissen, was los ist. Inszenierungen bringen etwas Stabilität, aber lösen keine Dilemmasituationen. Unregierbarkeit greift um sich.


Manfred Prisching

Über Manfred Prisching

Universitätsprofessor für Soziologie an der Universität Graz. Auslands­aufenthalte in Maastricht, an der Harvard University und an den Uni­versitäten von New Orleans, Little Rock, Las Vegas. 1997 bis 2001 wissen­schaftlicher Leiter der FH Joanneum, Korr. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied des Öster­reichischen Wissenschaftsrates. Autor zahlreicher Bücher und Publi­kationen. [Foto: © Christian Jungwirth]